Eröffnungsrede | Sören Schmeling.
10. Oktober 2010 Morat – Institut Freiburg

Herzlich willkommen zur Ausstellung von Robert Eugler: Bilder 2005 – 2010!

„Das ist jetzt der Punkt, wo ich gerade bin“, sagte mir Robert Eugler, als ich ihn vor gut zwei Wochen in seinem Atelier besuchte. Jener Punkt – also der gegenwärtige Abschnitt seiner Künstlerischen Entwicklungslinie – ist eine Fläche.

Es ist diese lichte, gelbe Fläche eines Quadrats 1 x 1 Meter, die Sie hier leicht erhöht auf dem Boden liegend sehen. Robert Eugler hat die Leinwand mit Champagnerkreide grundiert und fast duktusfrei mit Eitempera in einem langwierigen Prozess bemalt. Die in der Lösung aus Ei, Leinöl und Dammerharz befindlichen Pigmente setzen sich durch den feinen Auftrag nur vereinzelt an Erhabenheiten der Oberfläche ab. Durch mehrere Durchläufe des Trocknens und Auftragens konzentriert sich dort die Farbe und es entsteht in der Fernwirkung ein vibrierende monochrome Bildfläche. Würde man mit einem feuchten starken Pinsel darüber streichen, erhielte man ein schreiend grelles Gelb.
Dieses hier hingegen ist luzide, erinnert fast an Anflüge von Blütenstaub.

Die Konzentration, die in diesem Bild steckt, ist nicht nur die der Farbe. Wegen der Dauer des Farbauftrags sind diese Bilder auch Zeitspeicher. Zwei Monate und mehr arbeitet der Künstler an einem Werk. Bewegt man sich um die Bilder und nähert man sich ihren Oberflächen in einem immer flacher werdenden Winkel, wird man der beinahe farbsatten Wirkung der Pigmente ansichtig. Bei frontaler Betrachtung scheint die Farbfläche flüchtig. Das Bild wirkt grundsichtig, obwohl die Pigmente gerade durch diese Art der Malerei eine besonders fixe und stabile Verbindung mit dem Malgrund eingehen. Nichts lässt sich hier retuschieren, jeder Eingriff würde als Geste sichtbar werden. Und gerade um die Vermeidung der Geste, um das Loslassen der Form geht es Eugler. „Wenn ich eine Form mit dem Pinsel zu fassen versuche, verhärtet sich dieser unweigerlich“, sagt Eugler. Der Wunsch von der Form, der Figur, dem Sujet loszukommen, verlangt Konzentration, ein aktives Loslassen.
Diese konzentrierte Befreiung im Bildwerden hat sich wie ein Quantensprung im Oeuvre von Robert Eugler in den letzten fünf Jahren ereignet.

Vom einstigen Formwillen und der Entscheidung, die Farbe noch lauter und kraftvoller zu artikulieren, zeugt jenes große Querformat in Rot und Blau. Es ist das älteste der Ausstellung, entstanden 2005.
Die breiten horizontalen und vertikalen Pinselausstreichungen bilden ein Farbgitter oder -gewebe, das in seiner Struktur auch über die Bildgrenzen hinaus imaginär erweiterbar wäre – wenngleich sich in der Mitte des Bildes die farbliche Intensität konzentriert.

Doch bereits dort – wie im hier vor uns liegenden gelben Fall – scheint bei diesem die weiße Grundierung ähnlich einem durchlichteten, fadensichtigen Vorhang in Rot-Blau hindurch. Die Überlagerung der Pinselsetzung in Verbindung mit dem aufscheinenden Grund erzeugt eine Räumlichkeit, die allein durch Farbstaffelung entsteht.

Die drei neben ihm befindlichen Hochformate sind zwei Jahre später entstanden und zeigen, dass die bildbestimmenden Gitterstrukturen flächig amorphen Farbverdichtungen weichen. Von links nach rechts gelesen, wandelt sich in den  Bildern eine bewusste farbkompositorische Setzung zu einer fast intuitiven Akzentuierung:

- Im linken Hochformat wirken die hellbläulichen Farbstellen noch kompositorisch bestimmt.
- Im Mittleren erscheint der von unten in die Bildfläche eindringende rotpurpurne Farbeinschub unumstößlich gesetzt. Im Komplementärkontrast wird er von dem vertikal gelagerten Grün in der Bildmitte ausgleichend begrenzt.
- Im rechten äußeren Hochformat verdichten sich scheinbar zufällige Farbakzente zu organisch wirkenden Spuren, apostrophiert wird diese Bildfindung durch den sich in die obere Hälfte einschreibenden vertikalen Strich.

Obwohl Eugler sich für Landschaft interessiert, sind seine Bilder keine mimetischen Nachahmungen der Natur. Dass wir dennoch Landschaftliches in ihnen ausmachen dürfen, ist vom Bildfindungsprozess nicht primär intendiert. Es beruht auf dem grundlegenden Phänomen der Offenheit von Euglers Arbeiten, das sich in seinen jüngsten fast monochromen Arbeiten zusehends steigert. Eugler liefert Sehangebote, die wir konventionell aufnehmen oder hinterfragen dürfen, um so ihre Tiefe zu ergründen.

Das Gemälde dort an der Eingangswand zeigt ein nach unten hin sich bis ins Opake verdichtendes Grün, das eine Farb- und Bildgrenze markiert. Natürlich können wir darin auch eine Landschaft mit einem tief angesetzten Horizont sehen. Aber, wie erwähnt, geht es dem Künstler nicht um naturalistische, „einfache  Nachahmung der Natur“.

Deutlicher wird dies an den beiden großen Hochformaten (in der linken hinteren Raumecke), bei der die Farbverdichtung jeweils einen linke und rechte Bildgrenze erzeugt und der Zwischenraum seinerseits als konvexes Volumen oder als eindimensionaler Farbverlauf wahrgenommen werden kann.

Man muss nicht erst seine Bilder auf den Kopf stellen – wie es Goethe spöttisch für Friedrichs Bilder empfahl. Auch die horizontalen und vertikalen Linienverläufe muss man nicht gedanklich zum Kippen bringen – wie es Theo van Doesburg mit Piet Mondrians Kompositionen tat. Robert Euglers Malerei lässt sich nicht in die kunsthistorischen Kategorien von gegenständlich figurativ, gegenständlich abstrakt, abstrakt ungegenständlich oder konkret pressen. Vielmehr streift er jene kunsthistorischen Festschreibungen, die ihm entsprechen. Von der Bildhauerei her kommend, findet er über die konkrete Auseinandersetzung mit der Oberfläche zur Malerei. Seine frühen malerischen Arbeiten zeigen dabei noch Figuratives – zumeist flirrende an Wasseroberflächen dargestellte Figuren – in denen aber bereits die Körperhaftigkeit in Auflösung begriffen in. Die malerische Untersuchung von stofflicher Oberfläche ist die Folge. Ihre gestisch, farbliche
Ausformung als malerische Textur führt zu den eben beschriebenen strukturalen, später intuitiv sich verdichtenden Bildschöpfungen.
Wie aber ist dieser Sprung von jener rotblauen Textur zu jenen luziden, dezenten, formentleerten, monochromatischen Bildfindungen zu erklären, die wir hier vor uns hängend oder liegend haben?

Die eben beschriebene Reduktion des Bildinhalts, der Binnenform wäre ein Versuch der Erklärung. Denn letzten Endes sind diese jüngsten Bilder Euglers von der Fläche über die Linie auf den Punkt konzentriert. Bei jenem Großformat etwa, in sachtem „Ultramarin extra“, hat der Künstler Sandpartikel in die Grundierung gemischt, auf denen sich jetzt die Farbe auf einzelnen Punkten konzentriert absetzt. Es ist eine Konzentration auf den Pixel, den Bildpunkt, der in seiner Vielzahl erst die Farbe ergibt.

Es ist aber auch eine Reduktion der Farbe, die Eugler nun nicht mehr in der Fläche, sondern auf Bildpunkte zu einem wahrgenommenen Farbton schichtet.
Verblüffend ist hierbei vielleicht die Tatsache, dass dieses hier fast unscheinbar wirkende Bild in transparentem Braun-Violett an Farbdichte dem Großformat in Rot-Blau dort hinten in nichts nachsteht. Auch in dieser (kleineren) Oberflache vereinigt sich Mineralfeuerrot, Blau und eine Spur Grün. Löste man auch hier mit einem Pinsel die Pigmente, würde  ein lautes, kraftvolles Rot hervorschreien und sich mit Blau mischen.  

Die Konzentration der Farbe auf den Bildpunkt löst durch die vielfache Bearbeitung zugleich Randsituationen aus. Hier verdichtet sich das Farbmaterial wie auch in seinen früheren großformatigen Bildern zu einem begrenzenden Rahmen, an dem überhaupt erst die Verwendung unterschiedlicher Pigmente sichtbar wird. Dieser farbliche Rahmen markiert zugleich die visuelle wie materielle Grenze des Bildes und führt die Konzentration des Blicks auf das Bild als solches zurück.

Es ist jene Konzentration auf das Wesentliche, die Joseph Marioni und Günter Umberg wie folgt für ihr Konzept der radikalen Malerei beschreiben:

„Radikale Malerei beschäftigt sich intensiv mit der inneren strukturellen Beziehung zwischen Farbmasse und Träger. [...] Die Erfahrung dieser Beziehung ist wesentlich ein singulärer Akt des Betrachters [...] Der Zugang zur [...] Bedeutung [jener Gemälde] liegt in der erlebnishaften Begegnung mit ebendieser konkreten Materialität“.  

Diese Begegnung mit der konkreten Materialität denkt und bearbeitet Eugler weiter, schafft mit seinen transluzenten zum Teil vielfarbigen, dennoch aber monochrom erscheinenden Bildern, Farb- ja vielmehr Lichträume, in die man sich gerade bei wandelndem Tageslicht permanent neu einsehen darf. Es war daher nur folgerichtig, dass Eugler anstatt einer abendlichen Eröffnung eine am  Morgen wählte, um das Spiel des natürlichen Lichts durch die Oberlichter der Shedhallendachs sichtbar zu machen. Unter musealem Kunstlicht wirkten die Arbeiten viel statischer, weniger vital.

Und es ist nicht von ungefähr, dass der Künstler auf seiner Homepage ein Zitat Werner Heisenbergs erwähnt, das lautet: „Die Elementarteilchen sind die Urbilder, die Ideen der Materie.“
So ist es das Licht, das Photon, das weder Welle noch Teilchen, sondern beides zusammen ist, das als Anreger jener Elementarteilchen gilt.
Diese Energie, diese vibrierende Bewegung nehmen wir auch in Euglers Bildern wahr, weniger als Welle-Teilchen-, vielmehr als Farbraum-Farbflächen-Dualismus.

Ich wünsche Ihnen jetzt aufmerksame Augen zur Erkundung dieser Sehräume.

Sören Schmeling