Von der Sichtbarkeit der Unsichtbarkeit

Wenn sich Materie verdichtet, ausdehnt oder auflöst verändert sie ihre stoffliche Qualität, ihre Erscheinung ebenso wie ihre Eigenschaften. Und doch lässt sich jede Form von Materie – Feststoffe, Flüssigkeiten oder Gase – auf ein und dieselbe Grundstruktur zurückführen, bestehend aus unzähligen, in ständiger Bewegung seiender kleinster Teilchen, die sich zu derart unterschiedlichen Aggregatzuständen auszuformulieren vermögen, aus denen unsere Welt, aus denen wir bestehen.

Beim Besuch im Atelier von Robert Eugler kommt man solchen Ansätzen der Quantentheorie schnell näher. Denn schon zu Beginn des Gesprächs streift man naturwissenschaftliche Theorien und philosophische Gedanken, Heisenberg oder Demokrit, sind sie doch gedankliches Vehikel eines Künstlers, dessen vornehmliches Interesse Wahrnehmungsphänomenen gilt. Das Beobachten von Situationen, das Betrachten von Dingen sowie der Versuch, ihre Struktur und ihre Erscheinung zu begreifen und erfahrbar zu machen steht am Anfang der künstlerischen Überlegungen Robert Euglers, aus denen heraus sich neben der Malerei auch fotografische sowie installative Arbeiten entwickeln.

Über die Bildhauerei und Zeichnung findet Robert Eugler im Alter von 35 Jahren zur Malerei, die zunächst an einer figurativen Sichtbarkeit der Wirklichkeit orientiert ist. Neben Bildern von Badenden, deren verzerrte Körper sich unter der bewegten, von Umgebungsreflektionen animierten Wasseroberfläche auflösen und wieder finden, entsteht unter anderem eine Bildserie mit Faltenwürfen textiler Stoffe, die wie Raumkörper auf der Leinwand erscheinen. Allesamt zeigen sie das Interesse des Künstlers an Erscheinungsbildern – der Körper und seine Dimensionen sowie sein Verhältnis zum Raum wie auch zur Fläche –, einhergehend immer auch mit der Intention, hinter die Oberfläche derselben zu blicken und das Nichtsichtbare sichtbar zu machen. Während Vorder- und Hintergrund, Körper und Fläche hier noch als zwei Ebenen definiert werden und als ein mit malerischen Mitteln (re)konstruierter Wirklichkeitsabgleich scheint, tritt ab 2003 der Bildraum vermehrt als homogenes Moment in Erscheinung. Ein aus gitternetzartigen, oszillographisch anmutenden Oberflächen bestehender Strukturalismus oder aber streng auf horizontale und vertikale Setzungen basierender Formalismus lassen farbenkräftige Bildformulierungen entstehen, innerhalb derer die Trennung von Figur und Grund, Körper und Fläche, Bildträger und Farbauftrag weitestgehend aufgehoben scheint. Trotz des partiellen Anklangs vereinzelt figurativer Formen ist die gegenständliche Bildsprache zunehmend einer abstrakten Annäherung gewichen, die zu einer malerischen Auseinandersetzung mit der Stofflichkeit von Materie jenseits ihrer vordergründig materiellen Ausdrucksformen geführt hat. Für Robert Eugler stellt die vermeintliche Abwendung vom figurativ Gegenständlichen und seiner dinglichen Erscheinung vielmehr eine Annäherung an die eigentliche Gestalt der Dinge dar.

Betrachtet man insbesondere die aktuellen Arbeiten Robert Euglers fällt die zurückhaltende Dezenz im Umgang mit Farbe und Form auf, die mitunter monochromatische Bildräume generiert, deren inhärente abstrakte Formensprache weniger als Form denn vielmehr als Farbraum anzusehen ist, welcher sich sowohl auf als auch in die Bildfläche hinein öffnet. Zugleich erwecken die Leinwandarbeiten jedoch den Eindruck, als wäre die Abwendung vom Gegenständlichen in der Tat eine Annäherung über die plastische Oberfläche eines Körpers hinaus, bis zu jenem Grad, der ein Verschwinden desselben zur Folge hat. Wie eine Art Sicherheitsabstand, bei dessen Über- oder Unterschreitung sich die Dinge aufzulösen beginnen; und doch bleibt ihre Präsenz, ihre Existenz spürbar. Veränderung trotz Konstanz. So auch in den Bildern Robert Euglers, die alles andere liefern, nur keine Gewissheiten. Gewährleisten die in ständiger Auflösung und Neuerschaffung befindlichen Bildräume doch nurmehr ein fortwährendes Wegkippen von Sicherheiten: Strukturen und Formen geraten mehr und mehr zur temporären Erscheinung, während Faktisches zum Möglichen gewandelt und die Behauptung in Form einer Frage aufgestellt wird. In einer kleineren Arbeit bringen lasierende Farbschleier einen Bildteppich undefinierbar nuancierten Grüns auf die Leinwand, dessen belebte Oberfläche durch gestisch gesetzte Tâches noch weiter in Bewegung gesetzt wird. Im benachbarten Großformat verflüchtigt sich eine dunkle, kaum mehr als ein Hauch zu bezeichnende, tief liegende Horizontlinie in den hellbeigen Himmel. Während man durch die zahlreichen Lasuren eines sämigen Eitemperaauftrags frontal betrachtet scheinbar stellenweise Struktur und Farbe der Leinwand durchschimmern sah, nimmt man – je nach Lichtsituation und Betrachterstandpunkt – plötzlich eine farbliche wie auch materielle Verdichtung der Oberfläche wahr. Gleichsam entsteht jedoch der Eindruck, mit zunehmender Opazität mehr und mehr in die Tiefe blicken zu können. Es ist das Verschmelzen von Farbe und Trägermedium, eine Kopplung von Faktizität und deren Möglichkeit, wodurch sich die Bildfläche zum Bildkörper wandelt, der seinerseits ein Gegenüber einfordert, um in Erscheinung zu treten und das scheinbar Nichtsichtbare sichtbar werden zu lassen.

Während in Robert Euglers Malerei Flüchtigkeit und Bewegung in einen starren Bildträger hinein gemalt werden bzw. der jeglichen Form von Materie innewohnenden Brüchigkeit sowie dem nichtsichtbaren In-Bewegung-Sein von Körpern durch einen malerischen Akt begegnet und bewusstbar gemacht wird, entstehen die fotografischen Arbeiten im Gegenzug durch die Isolierung eines faktischen Bewegungsmoment, seiner Enthebung aus Zeit und Raum. Mittels Langzeitbelichtung wird die Bewegung zeitlich und räumlich eingefangen, komprimiert und als ephemerer Augenblick auf Papier gebannt. Während hier die Flüchtigkeit aus einem sichtbar bewegten Moment destilliert wird, wird sie in der Malerei aus einem vermeintlich stabilen Ist-Zustand regelrecht erzeugt. Robert Euglers Arbeiten sind Spiegel und Rezeptionsfolie einer auf Sichtbarkeit beruhenden Realität, die jedoch gleichzeitig ein Aufscheinen von Wirklichkeit jenseits ihrer materiellen Erscheinung ermöglicht.

Silke Bitzer, Kuratorin und wissenschaftliche Autorin Freiburg 2009