Robert Eugler - moving colours

Badische Zeitung | Kultur 5.2.2017

Robert Euglers Bilder im Regierungspräsidium Foto: Bernhard Strauss

Utopischer Raum des Politischen:

Alle paar Minuten klingelt eine Straßenbahn die Menschenmenge von den Gleisen, die sich vor der Sparkasse in der Kaiser-Joseph-Straße um die Musiker einer Latin-Band scharen. Gegenüber, in den Räumen des Regierungspräsidiums, sind ihre Songs mit Kontrabass, Gitarre und Cajon nur noch vage zu hören, gedämpft durch dicke Mauern und doppelverglaste Fenster, die die Wappen der Gemeinden des Regierungsbezirks Freiburg tragen. Hin und wieder klappt auf den Fluren eine Tür, Schritte knarren über das Parkett, ein Kopierer surrt – dann ist wieder Ruhe.

Mitten in der Stadt gelegen, mit gut besuchter Infotheke und einer aktuell im Erdgeschoss präsentierten Ausstellung über knallige Design-Trends in Schwarzwald-Look ist das Regierungspräsidium nicht unbedingt ein Ort der stillen Einkehr. Dass Kontemplation dennoch ein Modus sein kann, sich an diesem Ort zu bewegen, macht seit dem Herbst auf wunderbar dezente Weise die künstlerische Intervention des Freiburgers Robert Eugler deutlich.

Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer hatte den Maler 2015 in St. Peter kennengelernt, als dieser im Auftrag des Geistlichen Zentrums St. Peter im ehemaligen Kloster seine zarten monochromen Malereien in einen inspirierenden, überraschend gleichberechtigten Dialog mit den historischen Porträts kirchlicher Würdenträger verstrickte, die hier seit Jahrhunderten hängen. Schäfer war begeistert – und lud Eugler ein, den Empfangsraum in der Beletage des Regierungspräsidiums neu zu gestalten.

Man muss das eine ebenso glückliche wie mutige Entscheidung nennen, denn tatsächlich bedeutet die Verpflichtung Euglers einen radikalen Bruch mit den hier bislang üblichen Weisen der Repräsentation. Bis vor kurzem hingen im Entrée zur Beletage noch die Porträts der ehemaligen Regierungspräsidenten. Eine Galerie der Mächtigen, die mit freundlich-väterlichem Blick die Bürgerinnen und Bürger ins Visier nahmen, im Rücken oft die buntsandsteinfarbenen Kulissen der Stadt. Nun hängen diese Porträts in einem Seitenflur – und vor dem Büro der Regierungspräsidentin vibrieren stattdessen Euglers lichte Eitemperamalereien im rhythmischen Wechsel mit prominent gehängten Großformaten, zwischen den Fenstern platzierten Tondos und oberhalb der Türstürze zu stillen Serien gereihten Kleinformaten. Typisch für die Malerei des 58-Jährigen ist das milchige bis opake Flirren der in unterschiedlicher Dichte aufgetragenen Farbpigmente, die in der textilen Struktur des weiß grundierten Leinen- oder Baumwollstoffs hängen geblieben sind und Farbräume schaffen, die immer zugleich als Lichträume wahrnehmbar sind.

Euglers Bilder erzählen nichts. Sie bilden nichts ab, verweisen auf kein Äußeres, sondern reflektieren vor allem ihre eigene Entstehung, ihre Anwesenheit und Wirkung in der spezifischen Konstellation von Pigment und Leinwand, Licht und Raum. Paradoxerweise ist es gerade ihre Zurückhaltung und seltsam leuchtende Leere, die sich an diesem historisch aufgeladenen Ort unerwartet als politisch bedeutsam erweisen. Der Basler Hof hat eine wechselhafte Geschichte. Er war Stadtpalais und Exilresidenz des Domkapitels von Basel. Von 1933 bis 1941 beherbergte er das Gestapo-Hauptquartier mit Gefängniszellen und Folterkeller, brannte während des Luftangriffs im November 1944 vollständig aus und wurde nach alten Plänen wieder aufgebaut. Seit 1952 ist es Sitz des Regierungspräsidiums Freiburg. Im Kontext dieser Geschichte beschreibt Euglers Malerei einen Möglichkeitsraum, den man durchaus auch als utopischen Raum des Politischen verstehen könnte. Denn was seine Bilder erzählen, ist das Gegenteil dessen, was man hier erwarten würde. Sie repräsentieren keine Macht, vor ihnen gibt es kein richtig und kein falsch, sie beteiligen den Betrachter, statt ihn auszuschließen, verflüssigen hierarchische Ordnungen der Wahrnehmung, statt sie zu fixieren, und öffnen den Blick für neue Perspektiven, statt ihn auf das Bewährte zu verengen. Vielschichtiger lässt sich Transparenz im Spannungsfeld von Kunst und Gesellschaft nur selten erfahren.

Autor: Dietrich Roeschmann

 

Robert Eugler: Malerei, Regierungspräsidium Freiburg, Basler Hof, Kaiser- Joseph-Str. 167. Mo bis Do 9–11.30 und 14–15.30 Uhr, Fr 9–13 Uhr - Bitte am Empfang anmelden.